16. Türchen im Adventskalender 2010

Im Auftrag des Kulturmagazins JULI schrieb ich einen Rückblick über das aargauische Kulturjahr, dessen Höhe- und Tiefpunkte und meine persönlichen Eindrücke. Das ganze Heft samt diesem Text gibt es hier.

Ein Rückblick
für die Zukunft.

2010 war unser erstes Jahr mit JULI.
Wir waren jung und das Leben ein Traumtanz mit bunten Ballonen, derweil der Winter weisse Leinwände in die Kultur-Landschaft stellte. Jungfräulich war das Jahr, dick in weiche Watte verpackt, ein Unschulds-Minen-Feld voll offener Schützen-Gräber. Eins davon war für Herbert bestimmt. Herbert, der mit Linah Rocio bereits unter einer Stuck-Decke gesteckt hatte, bevor ihr Radius Radio-Wellen schlug. Herbert war, oje, oje, gestorben, obwohl er lautstark um die Liebe im Bäderquartier geworben hatte. Erhört hatte ihn nur die hübsche Nachbarin Billa, welche ihm todesartig folgte. So hoben wir – berauscht von süsser Weh- und flüssigem Wermut – das frühe Jahr mit einer Trauerfeier aus der Taufe[1].
Die weinseligen Tage der Kindheit waren gezählt. Es tönten die Lieder, als der Lenz burgiastisch der Klassik frönte. 2010, ein weibliches Jahr, erreichte pickelgesichtig die Pubertät. Die Unschuld wurde ihm gewaltvoll aus dem Leib gestossen, jede Höhle, jeder Bieder-Meier’sche Stollen durchwühlt, befühlt, befingert, als würde das Dekaden-Ende dekadenterweise dazu einladen: 2010. Eine Zwei, ein Loch, eine Eins, ein Loch. Ein Eingang, ein Ausgang, ein Gang – bang in die Zukunft blickend.
Freud und Freude herrschten, als das Schweizer Hymen hünenhaft durchstochen wurde. Nie wieder würden wir in die Alpenfestung reduit-zitiert werden. Gotthard, flüsterten wir ehrfürchtig, du hast dein Herz doppelt verloren. Derart defloriert zeigte das Jahr seine wahren Abgründe: KiFFer-Höhlen, Bahnhof-Buffets, deren Betreten die Eltern seinerzeit verboten hatten. Doch die hauptstädtlichen Kulturhauptstätten waren inzwischen erwachsen geworden. Jubilierend und jung geblieben die eine, die andere eine monströse Glas-Metall-Glas-Ausgeburt, unter Wehen und wehenden Fahnen herausgepresst von diesem viel zu früh geschwängerten Jahr. HAMBURG, SCHÖFTLAND, MENZIKEN, in grossen Lettern geklotzt, nicht gekleckert[2].
2010 war zur Frau geworden. Königin, Hure, missbrauchte Miss Brauchtum, Zielscheibe für Sport vorschützende Schützen. Wir tanzten auf den Resten des zerfetzten Brautschleiers und bejubelten das exekutierende Frauenmehr. Wir wussten zu Unrecht, dass wir nun alles besser machen würden, die rechten Leut’ hart anpacken, uns verschwestern und verbruderern. Wir treten auf, wir spielen, wir treten ab, resümierte der kultur-affine Polit-Poet, die Bühne verlassend. Zu Tränen rührte uns aber erst einer, der keine Kontokürzung und keine Konfrontation gescheut hatte: weder Libysch-Spiele mit dem Wüsten-Sohn noch Steuerstreit mit der wüsten Tochter des Nachbarn. Nicht seiner Politik, aber seines fein gehackten Bündnerfleisches wegen wurde er zum besten politischen Poetry Slammer. Bü-, bü-, bühnenreif, bonuswürdig, berührend menschlich. Ein ungewollter Stoll’scher Gegenentwurf[3].
Jenes Jahr animierte uns auf fantochestische Art, den eigenen Film des Lebens zu zeichnen. Tief in Kinosessel und die dritte Dimension eingetaucht überkam uns metaphysisches Gruseln oder handfeste Übelkeit.
Mörderisch war das Jahr. Den Uhr-Kultur-Gesteinen Beyeler, Beck, Hayek zerrte es ebenso die Zeiger aus dem Zifferblatt des Lebens wie den verrauchten Spunten, wo Stumpen schmauchend Humpen gehoben und gehoben diskutiert worden war. Schall und Rauch verzogen sich fortan in die Strassen zum geteilten Leid der Anrainer.
Yesterday will be better,
seufzten die Kulturpessimisten in jenem Jahr, aller mediale Trubel schien so weit weg. Das Home sei noch Schloss gewesen, Haus für die Kunst, naiv vielleicht, aber zumindest nicht digital nativ, und ersteres sei zu feiern, letzteres zu bedauern, da nütze alles Stänkern und Stapfern nichts[4].

2010 war rund, weiblich und voller Löcher. Ein Jahr des gesprochenen Wortes. Und mittendrin war JULI.

© Patti Basler


[1] Kultureller Tiefpunkt: Schliessung Kultur-Café Herbert & Salon Billa (Tournee: Todesarten)

[2] Lenzburgiade / Meier’sche Stollen / Gotthard-Durchstich / Steve Lee / 20 Jahre KiFF / Bahnhof Aarau

[3] Schützenfest / Frauenmehr im Bundesrat / Rücktritt Leuenberger & Merz / Lara Stoll: 1. Slam-Poetry-Schweizermeisterin. Mein kultureller Höhepunkt.

[4] Animationsfilmfestival Fantoche / Kunsthaus Aarau: Yesterday will be better / Stapferhaus: Home

1 Antwort bis jetzt »

  1. 1

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