03.55
Ich bin nicht übermässig abergläubisch. Die einzige übersinnliche Erscheinung, an die ich glaube, bin ich selbst. Denn ich spüre Erdbeben voraus. Nicht oft, denn ich erlebte noch nicht viele. Nicht oft, aber jedes Mal wenn’s bebte in meiner Nähe. Nicht wetterfrosch-schmöckerisch, wie die vom Muotatal.
Ubewusst. Unterbewusst. Lustig eigentlich, dass Unterbewusstsein und Übersinnlichkeit, ein verbales Gegensatzpaar sondergleichen, sich so sonderbar nahe stehen.
Fräulein Pattis Gespür für Erdbeben äussrt sich ganz und gar undramatisch. Es hat dieselben Symptome wie exzessiver Kaffeekonsum. Schlaflosigkeit, erhöhter Puls, Wachträume von der verpassten Kabarett-Karriere wegen verspäteter Eingabe eines Kulturprojekts bei der Komission. In dieser Phase ahne ich noch nichts.
Doch dann kommts. Der Herzschlag tanzt Chachaccha. In den Zehen beginnt ein seltsames Kribbln, welches sich über den Unterleib bis zu den Haarwurzeln ausbreitet. In diesem Moment weiss ich es: Es wird ein Erdbeben geben. Und ich warte darauf, sehne, rufe, erbettle es herbei, damit es schnell vorüber gehen möge, denn man weiss ja nie, und Italien ist nicht weit, und sogar in der Schweiz sind die Häuser nicht für die Ewigkeit gebaut. Einige Sekunden später rollt das Grollen heran, der Boden unter den Füssen wird mir weggezogen, die Erde rüttelt und schüttelt sich, ich zittere wie Espenlaub, mein Puls rast. Stärke 3, Richterskala. Das Jüngste Gericht.
Vorbei.
Überlebt.
Die Welt leidet an Parkinson. Und epizentrisch, wie ich bin, bilde ich mir ein, (mit-) schuld daran zu sein.