Du bist Deutschland! oder das TürkenTrauma

Im Zug Schaffhausen-Zürich, ein kahlgeschorener, tätowierter junger Mann spricht in sein mobiles Telefon: „Ne, du des glaubst du ned! Da isses so schön. Und die verdienen ja wie blöd, eh. Da kriegt sogar ne Bedienung 20 Franken auf die Stunde und sogar die ganzen Trinkgelder. Und die teilen das. Das ist voll so üblich, da kriegste dann mindestens 20 %. Und da hab ich echt die geilen Anstellungsbedingungen als Türsteher.“ Rechts ins Bild rückt der Rheinfall. Der Mann springt auf und klebt sich ans Fenster. „Was issen des? Wie geil ist das denn? Wie sowas von endgeil ist das denn? Des ist ja auch so schön hier überall. ….“ usw. Die Schweiz, das Land, wo Milch und Carlsberg fliessen?

Szenenwechsel: Hochzeitsparty eines Freundes, multikulturell und multinational in einem bekannten Club. Ich treffe einen Kroatin und frage voller Mitleid, was sie mit ihrer Mannschaft angestellt hat. Sie bricht spontan in Tränen aus. In meinem Eifer will ich sie trösten, sage tausend Dinge, umarme sie, flehe sie an, doch mit Weinen aufzuhören, es sei doch Hochzeit heute, sie heirate doch auch nächste Woche, erwidert sie schluchzend. Ich will das Thema wechseln: „Nun müssen wir sogar noch die Deutschen unterstützen, weil wir ja ein Türkentrauma haben.“

Plötzliche Stille. Die Musik hat aufgehört zu spielen. 40 Augenpaare und ein Mittelfinger blitzen mich an. „Das ist mein zukünftiger Mann“, sagt die Kroatin. „Eben musste ich beinahe unsere Hochzeit abblasen. Wegen der EM-bedingten Germanophobie unserer Schweizer Freunde.“ Kleinlaut erwidere ich, dass das Spiel 90 Minuten daure und am Ende die Deutschen gewinnen, doch da hört mir schon keiner mehr zu. Ich schleich mich. Raus und nach Hause.

Möglicherweise hatte ich doch „… die doofen Deutschen unterstützen …“ gesagt. Könnte sein. Wegen der Alliteration. Wie bei TürkenTrauma. Oder ganz einfach aus Gewohnheit.

Erlebe Emotionen. An das emontionale Vakuum nach Ausscheiden der eigenen Mannschaft wurde nicht gedacht. Wem gehört mein Herz? Den Deutschen? Den Türken?

Heute geh ich nach Basel. Du bist Deutschland. Vorbei am Security vor der Fanmeile. Du bist Deutschland. Vorbei am Migrospavillon mit der netten Bedienung. Du bist Deutschland. Vorbei an der Uni mit den kompetenten Professoren. Du bist Deutschland.

Und rein in die Dönerbude.

Sags in Deinen Worten.